SVEN HARDT
Ich bin nicht losgegangen,
um Pilger zu werden.
Pilger, Charity-Hiker und Autor waren keine Rollen, die ich mir irgendwann vorgenommen hatte.
Sie sind unterwegs entstanden. Schritt für Schritt. Weg für Weg.
Und vieles davon begann lange bevor ich wusste, wohin dieser Weg einmal führen würde.
Am Tag des Aufbruchs. Januar 2019.
Der Punkt, an dem sich die Richtung änderte
Für mich war alles gut.
Dann standen plötzlich zwei Sätze im Raum. Beide kamen von derselben Frau.
„Ich möchte mit dir alt werden.“
Und später:
„Ich brauche Abstand.“
Ich ging nicht los, weil ich Abstand wollte. Und ich ging auch nicht los, weil ich mit meinem bisherigen Leben abgeschlossen hatte.
Ich ging los, weil ich Hoffnung hatte.
Und ich ging mit einem Versprechen. Beim Abschied sagte ich meiner fünfjährigen Tochter, dass ich spätestens an ihrem Geburtstag wieder zu Hause sein würde. Dieses Versprechen wurde zu meinem Goldenen Faden.
Mein Ziel war Santiago de Compostela. Rund 2.500 Kilometer. Ich wusste damals nicht, was aus diesem Weg entstehen würde. Ich wollte kein Pilger werden.
Nach wenigen Tagen saß ich bereits wieder im Zug Richtung Heimat. Ich glaubte, gescheitert zu sein.
Dann kam von ihr eine Nachricht:
„Du wolltest den Weg gehen, also geh ihn!“
Ich fuhr nicht nach Hause.
An diesem Punkt begann sich nicht nur meine Richtung zu verändern. Auch der Grund, aus dem ich weiterging, war nicht mehr derselbe.
Ich ging weiter.
Vom ersten Camino zu mehr als 14.000 Kilometern
Mehr als 14.000 Kilometer auf europäischen Wegen, überwiegend auf Pilgerwegen.
Die Kilometer sind nicht die Geschichte. Sie zeigen vor allem, wie sehr der Weg inzwischen Teil meines Lebens geworden ist.
Nach meinem ersten Camino kehrte ich zunächst wieder in ein normales Leben zurück. In den folgenden neun Monaten veränderte sich einiges. Ich begann mein Studium und im November 2019 ging ich erneut auf den Camino. Ich wollte zurückblicken und sehen, was sich seit meinem ersten Weg verändert hatte.
Auch nach diesem zweiten Camino wusste ich nicht, was der Weg mit mir vorhatte. Ich folgte weiter meinem Gefühl, ging wieder los und kehrte immer wieder in ein normales Leben zurück.
Spätestens nach meinem dritten Camino war mir klar: Der Camino würde immer mit meinem Leben verbunden bleiben.
Doch erst der Charity-Hike hat mir gezeigt, wie weit diese Verbindung geht. Über Monate und Tausende Kilometer war das Unterwegssein kein zeitlich begrenzter Camino mehr, nach dem ich wieder in meinen Alltag zurückkehrte.
Der Weg selbst war zu meinem Alltag geworden.
Heute sind daraus mehr als 14.000 Kilometer auf europäischen Wegen geworden. Mit der Via Stellaris Octo-Rosa entstand 2026 ein eigener Pilgerweg. Und am 6. Januar 2027 beginnt mit der Dreikönigstour der nächste große Weg.
Gemeinsam mit meinem Sohn auf dem Camino bei Konstanz. Hier begann die Idee von Charity-Hiker weiterzuwachsen.
Warum Charity dazugehört
Der Gedanke, den großen Hike mit einem guten Zweck zu verbinden, kam mir während eines Aufenthalts auf der Katharinenhöhe.
Kurz darauf war ich mit meinem Sohn auf einer Etappe des Jakobswegs bei Konstanz unterwegs. Wir trugen beide die gleichen Hiking-Shirts. Mir fiel auf, wie viele Menschen uns ansprachen, lächelten und stehen blieben.
Was wäre, wenn wir diese Aufmerksamkeit nutzen könnten, um anderen Aufmerksamkeit zu schenken?
Nicht uns sollte sie gelten, sondern Kindern und Familien, die von einer Krebserkrankung betroffen sind.
Hoffnung, ein Lächeln und Aufmerksamkeit – das wollten wir weitergeben.
Aus diesem Gedanken heraus entwickelte sich langsam die Idee von Charity-Hiker. Im Dezember 2023 haben wir Charity-Hiker e.V. gegründet.
Heute ist Charity-Hiker ein eigenständiger, gemeinnütziger Verein und von meiner Personenmarke und meinen kommerziellen Tätigkeiten getrennt.
Was der Weg mit meiner Arbeit zu tun hat
Unterwegs habe ich nicht gelernt, welcher Weg für andere Menschen der richtige ist.
Ich habe eher gelernt, wie wenig ich darüber wissen kann.
Menschen können dieselbe Strecke gehen, dieselben Orte sehen, unter demselben Regen laufen und am Abend am selben Tisch sitzen. Und trotzdem können sie etwas völlig Unterschiedliches erleben.
Was für mich eine wichtige Erkenntnis war, kann für einen anderen Menschen bedeutungslos sein. Was mir geholfen hat, muss einem anderen nicht helfen. Und nur weil ich einen Weg gegangen bin, bedeutet das nicht, dass ich weiß, welchen Weg ein anderer Mensch gehen sollte.
„Erfahrung schafft keine Deutungshoheit.“
Diese Erkenntnis prägt heute meine Arbeit.
Ich möchte Menschen nicht erklären, was ihre Erfahrungen bedeuten. Ich möchte einen Raum schaffen, in dem sie selbst genauer hinschauen können: auf das, was sie erlebt haben, auf das, was sie beschäftigt, auf Fragen, die vielleicht noch offen sind, und auf das, was sie aus ihrem Weg mit in ihr Leben nehmen möchten.
Meine Aufgabe besteht darin, Fragen zu stellen, zu strukturieren und zu spiegeln. Manchmal auch dort noch einmal hinzuschauen, wo eine schnelle Antwort längst gefunden scheint.
Die Antworten gehören trotzdem nicht mir.
„Der Mensch selbst bleibt Experte für sein eigenes Leben.“
Vielleicht beschäftigt mich deshalb die Zeit nach einem Camino heute genauso sehr wie der Camino selbst.
Diese Frage ist für mich nicht erst später entstanden. Schon Monate nach meinem ersten Camino bin ich bewusst noch einmal zurückgekehrt. Nicht, weil ich inzwischen verstanden hatte, was dieser erste Weg mit mir gemacht hatte. Sondern weil sich in meinem Leben einiges verändert hatte und ich sehen wollte, was davon geblieben war und was sich verändert hatte.
Auch danach hatte ich keine fertige Antwort. Ich ging weiter, kehrte zurück, ging erneut los und verstand manches erst viel später.
Das hat mir etwas gezeigt, das für meine heutige Arbeit wesentlich ist:
„Erlebnis, Erkenntnis und Veränderung sind nicht dasselbe.“
Ein Weg kann etwas in Bewegung bringen. Was daraus entsteht, entscheidet sich jedoch nicht allein auf dem Weg. Es zeigt sich auch danach, wenn der Alltag zurückkehrt und die Erfahrungen auf das Leben treffen, das wir führen.
Und manchmal beginnt genau dort eine neue Frage:
„Was mache ich mit dem, was der Weg in mir bewegt hat?“
Aus dieser Haltung ist meine heutige persönliche Begleitung über Plan-0 entstanden. Nicht um Menschen zu sagen, wohin sie gehen sollen.
Sondern um sie dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg klarer zu sehen.
Fachlicher Hintergrund
„Hilfe zur Selbsthilfe ist ein wesentlicher Grundsatz meiner Arbeit.“
Ich möchte Menschen keine Antworten für ihr Leben vorgeben. Meine Aufgabe sehe ich darin, Fragen zu stellen, zu strukturieren und zu spiegeln und dabei zu unterstützen, eigene Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen.
Fachlicher Hintergrund
- Systemischer Berater
- Psychologischer Berater
- Burnout-Prävention
- Entspannungspädagogik
Vorbereitung auf die Heilpraktikerprüfung beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie
Natur & Gehen
- Shinrin Yoku Seminarleiter
- European Walk Leader
Schwerpunkte
- Resilienz
- Prävention
- Hilfe zur Selbsthilfe
Arbeitsweise
- Systemische Betrachtungsweise
Meine Begleitung ist keine Psychotherapie und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Ich stelle keine Diagnosen und behandle keine psychischen Erkrankungen.
Manche Wege wollen weitererzählt werden.
Dieses Buch ist kein klassischer Camino-Bericht. Es erzählt von dem, was unterwegs mit mir geschehen ist. Von einem Aufbruch, der anders begann, als er endete. Von Begegnungen, Brüchen und Entscheidungen. Und von der Veränderung eines Menschen, der losging, um etwas zu retten, und unterwegs begann, sich selbst neu zu begegnen.
Heute
Aus den vergangenen Wegen sind neue Wege entstanden. Und aus vielem, was unterwegs zunächst nur Erfahrung war, ist mit der Zeit eine Richtung geworden.
2026 bin ich mit der Via Stellaris Octo-Rosa erstmals einen Weg gegangen, der dort beginnt, wo für viele Pilger der Camino endet. Mit Plan-0 entsteht gleichzeitig ein Ort für die Fragen, die vor einem Camino beginnen oder nach ihm bleiben können.
Am 6. Januar 2027 beginnt mit der Dreikönigstour der nächste große Weg: 365 Tage, rund 7.500 Kilometer durch zehn Länder.
Aber auch heute kenne ich nicht jeden Schritt, der danach kommt.
Der bisherige Weg war kein abgeschlossenes Kapitel. Er führt weiter.
Ich weiß heute nicht, wohin jeder Weg führen wird.
Aber ich habe gelernt, dass wir nicht immer den ganzen Weg kennen müssen, um den nächsten Schritt zu gehen.
Vertraue.